Schicksale
 
Buddy
               
 

Liebe Tierfreunde,

erinnern Sie sich noch an Buddy?

Als ich im September 2003 um Begutachtung des gestromten Mischlingsrüden gebeten wurde, hatte er schon mehr als drei Jahre im Tierheim verbracht und war durch mehrere Zwischenfälle immer weiter in die Isolation geraten. Auffallend war seine ausgesprochen niedrige Erregungsschwelle und die Spielchen, die er sich ausgedacht hatte, sobald diese Schwelle überschritten wurde. In diesen Phasen war er nicht ansprechbar, aber er zeigte keinerlei aggressive Verhaltensmuster. Deshalb hielt ich einen Behandlungsversuch für möglich. Buddy sollte einem therapeutischen Training unterzogen werden, was unter den Mitgliedern sehr kontrovers diskutiert wurde: es gab solche, die es durch eine Strafanzeige bei der Staatsanwaltschaft erzwingen wollten und solche, die drohten, ihre Spendentätigkeit dem Tierheim gegenüber einzustellen, falls Gelder für solche Zwecke investiert würden.

In der Zeit, in der ich mich um Buddy kümmerte, war ich 5 - 6 Mal die Woche bei ihm, was eine intensive Beobachtung und Arbeit mit ihm ermöglichte. Er machte gerade zu Beginn deutliche Fortschritte im Gehorsam und wurde zunehmend kontrollierbar in potenziellen Erregungssituationen.   Bei zwei Ereignissen war mir sein Verhalten allerdings so unerklärlich, daß ich weiterhin sehr langsam und kontrolliert vorging, denn es war mein Ziel, Buddy für die Allgemeinheit ohne Gefahr zugänglich und auf jeden Fall für Pfleger und Ausführer umgänglich zu machen. So blieb ich die einzige, die seinen Käfig betreten durfte. Das konnte ich allerdings zum Schluss ohne Hilfsmittel wie Leine oder Maulkorb und wir feilten an der Unterordnung und schmusten gern.

Am 25. November erlebte ich Buddy in einer Situation, die mir seine von anderen berichtete und von mir selbst erlebte unverständliche Verhaltensweise erklärte und das weitere Vorgehen bestimmte: Er zeigte einen dieser mir oft beschriebenen ?Ausraster" d.h. er fiel mich ohne vorherige Drohgesten und ohne erkennbare Ursache völlig überraschend an. Er biss sich in meinem Ärmel fest und war minutenlang weder ansprech- noch anderweitig beeinflussbar. In den folgenden 30 bis 45 Minuten, die ich Buddy noch beobachtete, war er unruhig, mäßig ansprechbar und zeigte einen fast unstillbaren Hunger mit hastiger Nahrungsaufnahme, wie man es nach epileptiformen Anfällen oder anderen zentralnervösen Störungen beobachten kann. Andererseits wissen wir auch, daß es bei Hunden eine Art von Epilepsie gibt, deren einziges Symptom plötzliche Beißattacken sind.  

Mit einer solchen Diagnose wäre Buddy trotz entsprechend eingesetzter Medikamente immer unberechenbar und gefährlich geblieben und hätte ein Dasein im Einzelzwinger ohne Kontakt zu Menschen fristen müssen. Ein Hund aber ist ein obligat soziales Lebewesen, d.h. er will im Rudel leben, er braucht zwingend Sozialkontakte und er muß Umweltreize erfahren können. Ganz abgesehen von seinem Bewegungsdrang als Lauftier. Wenn ein Hund statt dessen, zur Wahrung der öffentlichen Sicherheit, lebenslang isoliert gehalten werden muß und es ausgeschlossen ist, daß er je adäquate Bewegung und Abwechselung bekommt, wird er nicht unerheblichen Leiden ausgesetzt, von denen er im Sinne des Tierschutzgesetzes erlöst werden sollte.  

Inzwischen sind über zwei Monate vergangen und ich habe viele Male an Buddy denken müssen, an die Arbeit mit ihm, an die Freude über seine Fortschritte, an seine Begrüßungen und daran wie er unsere Schmusezeiten genossen hat. Ich habe mich aber auch immer wieder gefragt, ob wir alles richtig gemacht haben. Das Tierheim ist in diesem Fall das erste Mal einen nicht unumstrittenen Weg gegangen, aber dieser Weg hat zu einer eindeutigen Diagnose von Buddys Verhalten geführt und die Richtung für das weitere Vorgehen klar gewiesen. Wir haben auf dem Boden des Tierschutzgesetzes im Sinne des Hundes gehandelt, sowohl als wir Buddy mit der Therapie noch eine Chance einräumten als auch, als wir uns entschieden, ihm weiteres Leid zu ersparen. Ich würde diesen Weg jederzeit wieder gehen.

Dr. Gabriele von Gaertner