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Vor über fünfzehn Jahren veränderte
sich mein Leben. Im Tierheim Mainz entdeckte ich einen ungewöhnlichen
Hund. Er galt als schwer vermittelbar, zum einen weil er jeden Besucher
mit einem scheinbar grimmigen Blick ansah, sich andererseits wild gebährdete
und im Kreis drehte und zu allem Überfluß auch noch eine Art
Delle im Kopfbereich hatte, dort hatte sich der Knochen nach der Geburt
nicht ganz geschlossen.
Der Hund, so las ich auf seinem Steckbrief, war nur etwas über ein
Jahr alt, männlich, kastriert und saß nun schon fast sein ganzes
junges Leben dort im Zwinger. Von einer Tierheimmitarbeiterin erfuhr ich,
dass er zusammen mit seiner Schwester abgegeben worden war, die sehr hübsch
anzusehen war und gleich vermittelt werden konnte. Ganz anders dieser Hund.
Er sah aus wie eine Mischung aus Bullterrier und Rodesian Ridgeback, war
sehr muskulös und hatte ein rehbraunes kurzes Fell und weiße
Pfoten. Manchmal durfte er am Wochenende mit zu der Tierheimmitarbeiterin
nach Hause, aber sie hatte schon mehrere andere Hunde und montags musste
Bubi jedesmal wieder zurück ins Tierheim.
Irgendetwas verband mich mit diesem Tier, was ich mit Worten gar nicht
ausdrücken kann. Ich wusste, ich würde ihn irgendwann herausholen
und der Hund wusste es auch.
Es dauerte noch ein paar Monate, dann fuhr ich erneut ins Tierheim. Natürlich
war dieser Hund noch da, niemand wollte ihn haben. Die Formalitäten
waren schnell erledigt und endlich ging die Zwingertür auf und ich
durfte Bubi mitnehmen. Wie selbstverständlich sprang er ins Auto, überglücklich.
Kein Bellen, kein Ausrasten mehr, alles war gut. Ich war erstaunt, wie
problemlos er sich benahm.
Schon nach kurzer Zeit hatte er sich an sein neues Zuhause, an seinen neuen
Freund Merlin, an die Hühner und Kaninchen gewöhnt und krümmte
keinem ein Haar. Ich nannte ihn von nun an „Sirius“, nach dem
hellsten Stern am Nachthimmel. Sirius bestach durch seine Fröhlichkeit,
seine Gelehrigkeit und seine Souveränität. In den folgenden Jahren
wuchsen wir immer enger zusammen, sein Leben und meines bildeten eine Einheit.
Nachts schlief er an meiner Seite, tagsüber begleitete er mich, so
oft es ging. Wenn ich krank war, legte er sich zu mir, tagelang, und wachte
bei mir. Wenn ich deprimiert war, brachte er mich zum Lachen. Mit ihm war
das Leben nie langweilig oder öde. Mehrere Male fand er im Wald Tiere,
die in Gefahr waren, einmal eine Maus kurz vorm Ertrinken in einer Pfütze.
Er brachte mich zu der Stelle und ich konnte die Maus gerade noch retten.
Ein anderes Mal entdeckte er unter einem Drahtzaun eine schwerverletzte
eingeklemmte Katze, die ich dann befreien und zum Tierarzt bringen konnte.
Die Katze „Mayday“ zog nach ihrer Genesung bei mir ein und
wurde von Sirius erfreut aufgenommen und respektiert. Beide schliefen später
zusammen im Körbchen und teilten ihr Essen.
Ich nahm Sirius mit zu meinem Vater, der auf dem Sterbebett lag. Ich führte
die Hand meines Vaters über Sirius` Gesicht und sein Fell und ein
Lächeln ging über das Gesicht des schwerkranken Mannes.
Die Jahre vergingen und Sirius war stets bei mir, egal, was das Schicksal
präsentierte. Er war in guten und schlechten Zeiten ein unverzichtbarer
Begleiter, mein Fels in der Brandung. Zusammen wurden wir älter. Sirius
wurde elf, dann zwölf Jahre. Langsam kroch die Angst in mir hoch,
wie lange darf ich dieses herrliche Tier noch behalten? Sirius wurde dreizehn
und vierzehn Jahre alt. Dann wurden seine Muskeln schwächer. Er trank
sehr viel, die Laborwerte waren aber alle normal, der Tierarzt konnte nichts
finden.
Sirius schlief viel, dann konnte er manchmal die Blase nicht mehr kontrollieren.
Mir wurde schmerzlich bewusst, dass ich ihn in absehbarer Zeit verlieren
würde. Mit fünfzehn Jahren bekam er eine Art Schlaganfall, erholte
sich noch einmal und wir konnten noch fünf Wochen zusammensein. Dann
bekam er einen Rückfall und ich musste Sirius endgültig gehen
lassen, Obwohl ich versucht hatte, mich auf diesen Moment vorzubereiten,
brach ich zusammen. Ich saß einen ganzen Tag in der Oktobersonne
auf einer Bank und hatte den toten Freund im Arm. Dann begrub ich ihn im
Garten und begrub einen Teil meiner Seele gleich mit. Es war der schwerste
Tag meines Lebens. Es war furchtbarer für mich, als alle Schicksalsschläge
in den Jahren davor. Ich danke diesem herrlichen Wesen für seine Treue
und seine bedingungslose Liebe, die mich oft beschämt hat Er war ein
Hund, der durchs Raster fiel, ein von Menschen ins Tierheim abgeschobenes
Wesen, der mich auf einer langen Wegstrecke als Gefährte begleitet
hat und den ich niemals vergessen werde. Ich werde mein Herz für einen
anderen Außenseiter öffnen und auch in ihm wieder einen treuen
Gefährten finden, aber meine Liebe zu Sirius folgt ihm in die Ewigkeit.
S. Söldner
Dezember 2011 |
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