Schicksale  

Aus dem Alltag einer Hundepflegerin

8 Uhr morgens, sie rufen...nach Futter, nach Aufmerksamkeit, nach Nähe..Ca. 70 Hunde warten ungeduldig
auf eines der wenigen Highlights des Tages: Der Pfleger mit dem Futterwagen! Jeder Hund bekommt das Futter, das er am besten verträgt, am liebsten frisst; die für ihn nötigen Medikamente werden lecker in Camembert verpackt. Der Gang durchs Hundehaus, rechts und links große Kulleraugen in freudiger Erwartung, bellende Aufforderung, sich zu beeilen.
Hinter jeder Zwingertür „lauern “verschiedene Verhaltensweisen .Cleo liegt in ihrem Körbchen, erhebt
sich langsam, als sie den Futternapf sieht; Moses sitzt in der Mitte des Zwingers, mit hängendem Kopf und traurigem Blick - 8 Jahre Tierheim gehen nicht spurlos an ihm vorbei; die „Zwerge“ Poldi, Felix und Chip purzeln aufgeregt bellend übereinander; Gimli ist mal wieder noch draußen, er hat gelernt, dass
ich zu ihm reingehe und kurz mit ihm schmuse, bevor er dann durch die Klappe nach innen schlüpft. Bei so viel Konkurrenz wird man als Hund einfallsreich, um an Streicheleinheiten zu gelangen; Boomer bellt nicht, steht still hinter der Tür, aber sein ganzer Körper zeigt die freudige Erwartung, das Futter im Zwinger suchen zu dürfen. Hunden, die alleine sitzen, gebe ich keinen Napf mehr, das wäre zu langweilig. Sie bekommen ihr Futter im Zwinger verstreut, erschnüffeln es in allen Ecken, im Körbchen, unter der Klappe. Dann haben sie etwas zu tun, zumindest für einen kurzen Moment.

Nach der Futterrunde herrscht Ruhe, alle sind beschäftigt, mit Suchen, mit Fressen. 10 Uhr, jetzt wird es richtig laut, die innere Uhr sagt unseren Hunden: die Ausführer kommen! Wer hat heute die Chance, dem Zwingeralltag für ein oder zwei Stunden zu entfliehen, fremde Gerüche und Eindrücke zu genießen? Ein Rudel von 5 Hunden läuft auf dem Hof, ein Ausführer kommt um die Ecke - 5 Hunde rennen in freudiger Erwartung an den Zaun, nur einer von ihnen wird mitgenommen, die anderen müssen weiter warten.

Möhre braucht ihre Ohrentropfen, hat starke Schmerzen, lässt es aber lieb über sich ergehen, versucht nie nach uns zu beißen. Als Belohnung ein paar Leckerlies, kurze Schmuseeinheiten, mehr Zeit bleibt nicht, andere Hunde warten auch schon auf mich und wollen in den Auslauf. Baghira braucht noch seine Spezialcreme, er hat so trockene Haut, dass er sich blutig kratzt; er genießt das Einmassieren der Creme. Auch wenn sie nicht helfen sollte, bekommt er so einmal am Tag 5 Minuten Streicheleinheiten.
Zwischendurch bastele ich Kongs (fülle Hartgummi-Bälle mit leckerem Futter) für die Hunde, die kaum zum Gassi gehen raus kommen, für die ich keine Zeit habe. So sind sie wenigstens beschäftigt, haben etwas zu tun, um an das leckere Futter zu kommen. Manchmal frage ich mich, ob das reicht? Aber es geht leider nicht anders...

Kontrolle der Arbeiten unserer 1-Euro Kräfte: hat jeder Hund frisches Wasser, genügend Decken, einen sauberen Zwinger, sein Spielzeug? An Tagen, an denen keine Helfer da sind, bleibt noch weniger Zeit für den einzelnen Hund: Neben füttern, Medikamente geben,Hunde in die Ausläufe setzen, zum Tierarzt bringen
und den Ausführern über-geben oder von ihnen entgegennehmen,müssen die Zwinger undAusläufe gereinigt, Wassereimer aufgefüllt, Decken gewaschen und Näpfe gespült werden.
Zwischendurch kommen immer mal wieder Ausführer, der ein oder andere Hund darf dann raus aus dem
Tierheim. Für mich ein gutes Gefühl,wenigstens diese Hunde haben heute etwas erlebt.
Einige Hunde müssen zu Manu, unserer Tierärztin, zum Impfen oder zur Nachkontrolle; auch eine Abwechslung, raus aus dem Zwinger, rein in die Praxis! Dort gibt es immer leckere Sachen, man steht für kurze Zeit im Mittelpunkt und Manu strahlt Ruhe aus, redet mit den Hunden und knuddelt sie.


Abends, wieder helle Aufregung! Der Pfleger mit dem kleinen Futterwagen kommt, mit Futter für die Hunde, die zwei Portionen bekommen, weil sie zu dünn sind, mit Medikamenten in Camembert und dem Eimer mit
Schweineohren, Knochen und Leckerlies für die Gute-Nacht-Leckerlie-Runde. Diesmal fange ich hinten an, arbeite mich nach vorne durch, danach läuft niemand mehr durchs Hundehaus, das ist unser festes Ritual!
Denn danach soll Ruhe einkehren, jeder knabbert an seinem Schweineohr, sucht die Leckereien in allen Ecken des Zwingers.


Auf dem Nachhauseweg (oft erst um 19 Uhr) fragt man sich dann: Habe ich heute genug getan? Bin ich allen gerecht geworden? Wie übersteht der 17-jährige Hund die erste Nacht im Zwinger, fern von der warmen Couch, die er bis heute morgen noch mit seinem Herrchen teilen durfte? Kratzt sich Baghira wieder blutig? Ist es bequem für Moses mit Halskragen zu schlafen (den er nach einer Blutohr-OP tragen muss)? Wie wird Jenny das verkraften, die ab morgen zum zweiten Mal innerhalb von zwei Monaten einen Halskragen
braucht, weil auch das andere Ohr operiert werden muss?
Aber zum Glück sind da auch die schönen Momente, die Ausführer, die ihre Freizeit opfern und genauso wie wir Pfleger für die Hunde da sind, mit ihnen spielen, sich um sie kümmern, sie nach Operationen zuhause betreuen, sich Gedanken machen, ihnen (und uns Pflegern) Leckerliesmitbringen...


Dafür bin ich dankbar, auch wenn zum „Danke“ sagen oft die Zeit fehlt.

Rosie Schneider, Juli 2007