Schicksale    

Abschied von meinem kleinen Mädchen A l i a

Als ich am 25. Juli 2005 meine Hündin auf dem Tierfriedhof beerdigen ließ, wollte ich keinen Hund mehr haben, denn der Schmerz war unerträglich. Ein paar Wochen später, es war an einem Samstag, sprach mich eine Frau auf dem Friedhof an, ob ich Lust hätte, mit ihr ins Tierheim zu gehen, um dort Kaffee zu trinken und einen herrlichen, von Ehrenamtlichen, selbstgebackenen Kuchen zu essen. Natürlich ließ ich mir das nicht entgehen. Also ging ich mit.

Was tat ich anschließend? Ich lief durch das Tierheim und im hinteren großen Zwinger sah ich eine altdeutsche Schäferhündin, die sich ständig kratzte und kaum Fell am Körper hatte. Sie schaute ganz traurig aus. Ich sprach sie an und sagte: „Bist du die Alia?“ Sie hielt ihren Kopf schräg und schaute mich mit großen Augen an. Als ich weiterging schaute sie mir nach. Ich ging noch einmal um den Block und als ich dann wieder vorbeiging, schaute sie mich aufmerksam mit ihren traurigen Augen an. Ich merkte, dass dieser Hund schon einiges durch-gemacht haben musste und sie tat mir wahnsinnig leid.

Am nächsten Tag erkundigte ich mich über sie und fragte, ob ich mit ihr Gassi gehen dürfte und sie war tatsächlich ein so braves Tier. An den darauffolgenden Tagen ging ich öfters mit ihr Gassi. Ein paar Eigenheiten hatte sie schon, aber damit konnte man leben und sie war einfach nur lieb. Ich stellte sie meiner Tier-ärztin vor und sie sagte: „Nehmen Sie diesen Hund nicht, er wird viel Geld kosten.“ Alia roch sehr unangenehm, kratzte sich ständig und war sehr abgema-gert. Sie wog nur 25 kg und war erst ca. 4 Wochen im Tierheim. Sie war sehr krank. Mir wurde gesagt, dass Alia von einem Landstreicher abgegeben wurde. Man merkte sehr schnell, dass sie nicht geschlagen oder misshandelt wurde, aber das unstete Leben auf der Straße hatte ihr sehr zugesetzt.

Jedes Mal, wenn ich sie abholte, rannte sie an den Zaun, bellte wie eine Ver-rückte und konnte es kaum erwarten, in Empfang genommen zu werden. Trotzdem konnte ich mich noch nicht entschließen, sie zu mir zu holen, als nach einiger Zeit die Hundepflegerin mir die Entscheidung abnahm und zu mir sagte: „Entweder Sie nehmen Alia oder sie holen sie nicht mehr ab, denn sie leidet höl-lische Qualen jedes Mal wenn sie zurückgebracht wird. Sie frisst dann nicht mehr.“ Ich merkte, dass Alia sich schon an mich gewöhnt hatte. Sie wollte unbedingt bei mir sein.

Es war eine schwere Entscheidung, aber es stand außer Frage, dass ich diesem Geschöpf helfen musste. Natürlich hatte ich sie schon in mein Herz geschlossen. Zuerst musste sie noch den Test mit meinen Katzen überstehen und dann war der Weg frei in ein neues Zuhause.

Am 01. Oktober 2005 war es soweit. Sie zog bei uns ein, d.h. ihre neue Familie bestand aus Frauchen, zwei Katzen und einer Schildkröte.

Alia roch sehr stark. Nein, das stimmt nicht ganz: „SIE STANK!!!“
Es war manchmal wirklich unerträglich und viele Bekannte zogen sich total zurück. Ich durfte viele nicht mehr besuchen, Bemerkungen sind gefallen und viele schüttelten den Kopf über meine „Tierliebe“. Alia war mir wichtiger,
denn auf solche Leute konnte ich verzichten. Ich habe es gerne für sie getan
und würde es jederzeit wieder tun, denn sie war es mir wert.

Von da an wurde es ein steiniger Weg. Sie bekam Tabletten, es wurden viele Untersuchungen gemacht (Blut, Biopsien usw.). An dieser Stelle gebührt der damaligen Tierärztin „Danni“ einen ganz großen Dank, wie behutsam und mit viel Einfühlungsvermögen sie versucht hatte meinem Hund zu helfen. Sie arbei-tete mit meiner Tierärztin Hand in Hand zusammen, sodaß die medizinische Seite voll abgedeckt war.

Jeden Abend mußte ich Alia baden. Danach musste das ganze Bad desinfiziert werden, was wirklich nicht einfach für mich war, weil ich krank wurde. Es war für mich fast unmöglich, diese Prozedur fortzuführen. Ich ging bis an meine Grenzen. Alia roch weiter sehr stark, Büschel von Haare gingen aus, sie war fast nackt und was mich auch heute noch erstaunt, sie schlief und schlief und schlief.
Für uns beide war es bestimmt eine sehr schwere Zeit, aber sie hat es mit einer Engelsgeduld hingenommen. Ich habe mir immer nur gedacht, wie kann ein Tier so viel Leid ertragen.

So vergingen fast drei Monate und ich sah kein Licht am anderen Ende des Tun-nels. Ich wollte Alia wieder ins Tierheim zurückgeben, weil ich einfach keine Kraft mehr hatte. Es war kurz vor Weihnachten und ich dachte, dass ich ihr das nicht antun könnte, obwohl Hunde bestimmt nicht wissen, wann und was Weih-nachten ist. Trotzdem habe ich es nicht übers Herz bringen können, sie kurz vor den Feiertagen abzugeben.

Ich glaube, der liebe Gott oder auch der Weihnachtsmann hatten meine Gebete erhört und es gut mit uns gemeint. Es war ein Wunder geschehen. An den Feier-tagen sprießen ganz langsam die ersten Haare. Zuerst war es nur ein Flaum. Danach konnte man langsam aber sicher zusehen, wie sie sich zu einer wunder-hübschen Hündin entwickelte.

Sie dankte es mir jeden einzelnen Tag. Sie war eine liebe, treu ergebene Hün-din, die mir nur Freude bereitete. Sie hatte ein wunderschönes, seidiges Fell be-kommen. Und siehe da, auf einmal sprachen mich Leute auf der Straße an oder auch Bekannte (!!!!!) was für eine wunderschöne Hündin sie (geworden) ist. Selbst meine Tierärztin konnte es kaum glauben. Ich war darauf sehr stolz, denn daran kann man sehen, was Liebe und viel Geduld bewirken können. Viele sagten, Alia ruhe in sich selbst, man sah ihr an, dass sie eine zufriedene, ausge-glichene Hündin war. Wir waren unzertrennlich. Alia musste zwar ihr ganzes Leben Tabletten einnehmen und sie hatte einige Einschränkungen, aber wir hatten so viele schöne Zeiten miteinander erlebt, die ich nicht missen möchte.

Nach 6 Jahren und 3 Tagen musste ich Alia am 4. Oktober 2011 einschläfern lassen. Nach Höhen und Tiefen und vielen schlaflosen Nächten habe ich mich entschlossen, sie von ihren Leiden zu erlösen. Alia ist in meinen Armen einge-schlafen. Sie war ein tapferer Hund. Sie hatte versucht sich „fast“ nichts anmer-ken zu lassen, dass sie schwächer und schwächer wurde. Sie wollte einfach nicht von mir gehen.

Wir hatten das große Glück, dass wir die letzten 2 Wochen jeden einzelnen Tag, ganze 24 Stunden, miteinander verbringen durften. Jeder Tag wurde noch inten-siver gelebt. Eine tiefe Verbundenheit, die sich in den Jahren zwischen uns ent-wickelt hatte, wurde zum Schluß noch stärker, was kaum unter Menschen mög-lich ist. Deswegen ist es auch jetzt so schwer sie nicht mehr an meiner Seite zu haben.

Mein kleines Mädchen, ich fühle mich geehrt, dich als treue Begleiterin für diese Zeit gehabt zu haben. Ich denke jeden Tag an die Regenbogenbrücke und hoffe, dass du am anderen Ende wirklich auf mich wartest. Ich hab dich soooo lieb.

Ruhe in Frieden!!

Der Hund ist das einzigste Wesen auf Erden, dass den Menschen mehr liebt als sich selbst. (Charles De Gaulle)